Ihr Brief zur Hochzeit
Schauspiel

nach einer Erzählung von Botho Strauss

Stückinfo

Deutschsprachige Erstaufführung

DU, mein Mann, wirst heute eine andere zur Frau nehmen. Eingeladen kann ich nicht sein, aber einen Brief solIst du von mir bekommen. Eingeladen sind all jene, die wir bis vor kurzem gemeinsam zu Freunden hatten, auch wenn sie mehr deine als meine Freunde waren. So werden sie zu dir kommen und werden mit euch feiern, obwohl, ich weiss es, mancher unter ihnen ist, der zögert ein wenig und will sich nicht so schnell daran gewöhnen, dass sich um dich herum so viel verändert hat.

Die da schreibt, hat mit dem Mann, an den der Brief geht, ein halbes Leben geteilt. Irgendwann hat sie ihn mit einem andern betrogen; aber er heiratet heute eine andere, will das Frühere vergessen. «Was, Liebster, ist meine flüchtige Untreue verglichen mit der ungeheuerlichen Untreue deines Gedächtnisses?» Ja, denn sie wirft ihm vor, sich selbst zu betrügen, sein wahres Gefühl zu verleugnen. Das eigentliche Band verbinde immer noch sie beide, und in demselben Moment, da er durch seine Heirat es zerreisst, spinnt ihr Schreiben es weiter. Sie will ihn nicht zurückhalten, nicht binden, und doch glaubt sie an den fernen Tag, da sie einander wieder erkennen werden als die Einzigen.

Wenige Tage, bevor du mit deinem grossen Fest unsere stolze und traurige Geschichte besiegeln wirst, sitze ich unter der Lampe und schreibe diese eiligen Worte, die dir alles freigeben und doch eine schmerzliche Revolte anzetteln gegen die Unterdrückung unserer Zeit, gegen das eiserne Verdrängen und Vergessen, das du dir verordnet hast. Es wird ein Brief sein, der nichts fordern, verurteilen, erklären oder beklagen will sondern nur eine einzige grosse Verwunderung ausdrücken vor diesem gemeinsamen Leben, das nun überblickt wird, erkannt und gewürdigt; und schliesst mit dem leisen Versprechen, dem leisen Befehl: am Ende wird es nur uns gegeben haben. Niemand anderen.
 

Premiere

16. Januar 1993

Besetzung